Ehrenmann & Ehrenfrau: Ein Revival?

 

Im Jahr 2018 erhielten die Begriffe „Ehrenmann und Ehrenfrau“ ein Revival, und zwar von einer Generation, von der man es vermutlich nicht erwarten würde: Es wurde zum Jugendwort des Jahres 2018 gewählt. In Berlin sprach ich mit den drei Gymnasiasten Ester, Marlene und Thure, alle im Alter von 17 Jahren, über ihre Eindrücke und Erfahrungen mit den Begriffen der „Ehre“ und dem Jugendwort: „Ehrenmann & Ehrenfrau“.

 

Das Jugendwort und die Realität der Jugendlichen

Ester, Marlene und Thure verwendeten das Wort „Ehre“ sowie „Ehrenmann“ bereits in den Jahren vor der Nominierung. Anfänglich wurde der Begriff für jemanden gewählt, „der etwas Gutes getan hatte.“ Im Gespräch kam deutlich zu Tage, dass die Auswahl des Jugendwortes von der Langenscheidt-Jury die Welt der Jugendlichen nur verzerrt darstellen kann.

Mit der Zeit, so bemängelten alle drei, wurde der Begriff aber etwas inflationär benutzt. Beispielsweise wurde „Ehre“ für „Danke“ eingesetzt, wenn jemand jemandem anderen einen Radiergummi auslieh. Dankbarkeit mit Ehre auszutauschen sei sicher nicht gänzlich falsch, jedoch wurde es für jede Banalität eingesetzt, so dass die Besonderheit, die dieses Wort auch auf die Jugendlichen ausstrahlte, wegfiel.

„Das ist so, als wenn jemand dauernd zu einem sagt, dass er einen liebe, dann weiß man irgendwann gar nicht mehr, ob es Ernst gemeint ist.“, so analysierte Ester scharfsinnig.

Den Höhepunkt des inflationären Gebrauchs erlebte der Begriff, als er bewusst von den Jugendlichen in deren Klasse für ihr Gegenteil eingesetzt wurde. Beispielsweise wurden Personen des Öffentlichen Lebens als „Ehrenmann“ bezeichnet, obwohl sie ganz genau gewusst hatten, dass es sich nicht um einen „Ehrenmann“ handelte.

„Wir sind in der Pubertät, in unserem Alter gehört das dazu“, kommentierte Thure diese bewusste Provokation.

Das ist meines Erachtens zugleich richtig wie auch spannend, denn man kann nur provozieren, wenn man auch ein Verständnis hat, von dem, was ein „Ehrenmann“ ist. Dieses Wissen war bei den Jugendlichen ganz klar vorhanden.

 

Das Kollektive Unbewusste wirkt weiter

Der innere Konflikt über den Begriff Ehre zeigte sich bei genauer Nachfrage deutlich, denn obwohl diese Jugendlichen einer Generation angehörten, die in säkularisierten Gesellschaften aufgewachsen sind, rumort in ihnen eine kirchliche Sexualmoral, die Frauen etwa vorehelichen Geschlechtsverkehr verbat. Derartige Handlungen führten in früheren Zeiten zum Verlust der Ehre der Frau.

Dieser Sicht stimmten die Jugendlichen (zu Recht) nicht zu, es blockierte aber gleichzeitig die Verwendung des Ehrbegriffes als solchen.

Für mich waren diese Ausführungen im Gespräch sehr aufschlussreich, bestätigen sie doch meine Grundthese, dass wir nicht umhin kommen, diese unangenehmen Seiten anzusehen, damit wir den Ehrbegriff wieder in seiner wahren Bestimmung – ohne schlechtes Gewissen – verwenden können.

 

Die anthropologische Konstante der Ehre

Marlene bedauerte, dass der Ehrbegriff durch den oben beschriebenen inflationären und negativen Gebrauch unter Jugendlichen nun wieder nicht verwendet werden könne und mittlerweile wieder negative Konnotationen auslöse.

Alle Jugendlichen waren sich einig, dass sie nicht genau wüssten, woher sie wissen, was Ehre sei, aber eben wüssten, was es ist. Auch dies ist eine erkenntnisreiche Bestätigung der Einsicht von Aristoteles (Nikomachische Ehtik), dass in jedem Menschen ein Ehrgefühl angelegt sei, dieses auszubilden, Aufgabe der Gesellschaft wäre.

 

Eine Frage der Ehre

Alles in allem zeigte mir das Gespräch erneut, dass es genau darum ginge, sich bewusst mit dieser Ausbildung des Ehrgefühls zu beschäftigen, damit auch die Schattenseiten gelöst werden können.

Eines bleibt klar: Der Begriff der Ehre wird in der Gesellschaft weiterbestehen. Momentan hat er Hochkonjunktur bei „Ehrenmorden“ und Mafia-Gesellschaften. Es ist somit die Verantwortung jedes Einzelnen, wem er das Feld der Ehre überlassen möchte, denn das, was wir füttern, wird erstarken!

Ich danke Marlene, Ester und Thure sehr für das Gespräch! Es war mir eine Ehre 😉