Östlich-weiblicher und Westlich-männlicher Handel

 

ODER: Warum der gerechte Preis nicht unbedingt für alle gleich sein muss

In der westlichen Welt herrscht die Idee vor, dass alle Menschen gleich seien und das gerecht sei. Das ist nicht falsch, nur einseitig.

 

Gleichheit und Einzigartigkeit

Seit der Aufklärung rühmt sich die westliche Welt mit Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Der rationale Verstand hat in diesem Zuge eine Überhöhung erhalten, die in der Geschichte der Menschheit seines gleichen sucht. Formale Prinzipien, Verträge und Feste Preise sind Resultate und Lösungsmittel des Verstandes.



 

Gerechte Festpreise und ungerechtes Feilschen?

Für meine Doktorarbeit „Ehre revisited“ untersuchte ich das Handelsgebaren auf dem Großen Basar in Istanbul. Auf dem Basar wird in traditioneller Manier gefeilscht. Der westliche Tourist fühlt sich meist „übers Ohr gehauen“, wenn er erfährt, dass etwa ein Türke für das gleiche Produkt weniger gezahlt hat als er. Aus westlicher Sicht sind formale Regelungen und Festpreise verlässliche Mittel um Gerechtigkeit herzustellen.

Wenn man sich jedoch überlegt, dass die türkische Lira im Verhältnis zum Euro aktuell um das sechsfache weniger Wert ist, ist es dann gerecht, wenn ein Türke denselben Preis bezahlt wie ein Deutscher?

Auch in unserem eigenen Land gibt es trotzt des so hoch gehaltenen Gleichheitsprinzips starke Ungerechtigkeiten. Gerade in der asymmetrischen Verteilung von Gehältern, die Männer und männlich dominierte Berufe (Wirtschaft / Technik) meist besser bezahlen als Frauen und weibliche Berufe wie Krankenschwestern oder Erzieherinnen, ist das Mittel eine flexiblen Preises meines Erachtens notwendig, da damit die ungerechte Verteilung von unten korrigiert werden kann.

Es gibt ein absolutes und ein relatives Gerechtigkeitsverständnis. Männliche Moral orientiert sich eher an beziehungslosen, meist abstrakten und getrennten Vorstellungen von Gerechtigkeit. Weibliche Moral betrachtet vielmehr den situativen Kontext, manche Forscher sprechen auch von einer Fürsorgeethik. Mit „männlich“ und „weiblich“ sind nicht nur die biologischen Geschlechter gemeint. Wir tragen alle weibliche und männliche Anteile in uns. Im Idealfall bringen wir beide in ein Gleichgewicht. Meines Erachtens sind beide Moralverständnisse richtig und bedingen sich gegenseitig. Nur ist die weibliche Moral weit weniger salonfähig als die männliche, weshalb sie erst einmal stärker erläutert werden muss.

 

Gleichheitsprinzip und Beitragsprinzip

In der Philosophie gibt es zwei zentrale Gerechtigkeitstheorien: Das Gleichheitsprinzip und das Beitragsprinzip, wobei letzterem kaum Bedeutung beigemessen wird, ist die kulturelle Prägung des Gleichheitsprinzips unbewusst so verhaftet, dass sie nicht einmal hinterfragt wird. Für das Gleichheitsprinzip steht der Philosoph John Rawls.

Aristoteles arbeitete in seinem Werk „Die Nikomachische Ethik“ neben dem Gleichheitsprinzip ein weiteres zentrales Gerechtigkeitsprinzip heraus: Das Beitrags- oder Bedürfnisprinzip. Hier ist die Gerechtigkeit, abhängig von Person, Ort und Situation. Das heißt, dass auch ein gefeilschter Preis gerecht sein kann. Wichtig hierfür ist vor allem ein ausgebildetes Ehrgefühl, um den richtigen Preis zu erspüren.

 

 

 

Östlich-weiblicher und Westlich-männlicher Handel

Spannend auf dem Basar für mich zu beobachten war, dass westliche Touristen oft nach dem Preis des Produktes fragen während der Basari (Händler auf dem Basar) nach dem Budget des Interessenten fragt. Das heißt, es gibt eine Beziehung zwischen Produkt und Käufer. Das Produkt ist nicht getrennt vom Händler und Käufer, sondern steht in Relation zu beiden. Für den ehrbaren Basari (natürlich gibt es auch ehrlose, wie überall) ist der Preis nicht beliebig, sondern er denkt eher in einer Preisspanne und nicht in einem fixen Preis.

Östliche Kulturen leben meinen Beobachtungen, Erfahrungen und Untersuchungen nach weit mehr im weiblichen Prinzip, während im Westen das rationale und mentale Denken den Vorrang hat, das dem männlichen Prinzip zugeordnet werden kann.

Die große Aufgabe der Gegenwart besteht darin, ein synergetisches Miteinander beider Prinzipien für eine friedvolle und gerechte Welt zu schaffen!

»Wer sich selbst und andre kennt,
Wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen. 

Sinnig zwischen beiden Welten
Sich zu wiegen, lass ich gelten;
Also zwischen Ost und West
Sich bewegen, ist das Best.«

Johann Wolfgang von Goethe, West-Östlicher-Divan

 

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